1. Gesundheitswesen

Anreize schaffen, nicht bestrafen.

Managed Care Ver­si­che­rungs­mo­d​elle sind nicht neu. Schon lange kann man sich HMO ver­si­chern oder ein Haus­arzt­mo­dell wählen. Wer dies tut, schränkt seine Wahl­frei­heit bezüglich me­di­zi­ni­scher Be­hand­lung ein. Im Ge­gen­zug be­zahlt er we­ni­ger Krankenkassenprämien.​  Bun­des­rat und Par­la­ment genügen aber die bis­he­rige Zahl der so Ver­si­cher­ten nicht. Sie wol­len den An­teil der Ver­si­cher­ten, die sich so­ge­nannt „integriert“ be­han­deln las­sen, deut­lich erhöhen. Hin­ter die­sem An­lie­gen steckt die Idee, dass die in­te­grierte Ver­sor­gung (Ma­na­ged Care) zu Ein­spa­run­gen im Ge­sund­heits­we­sen führt. Wie­viel ein­ge­spart wird, hängt davon ab, wie viele Per­so­nen sich für die­ses Ver­si­che­rungs­mo­d​ell ent­schei­den.

Differenzierte Selbstbehalte sollen als Lenkungsmassnahme eingesetzt werden, damit sich mehr Versicherte für Managed Care entscheiden.  Wer seine Wahl einschränkt, bezahlt weniger Selbstbehalt als diejenigen, welche die Wahlfreiheit haben wollen. Die Vorlage arbeitet aber nicht mit positiven Anreizen, wie wir es verlangt haben, sondern mit „Strafen“. Wer die Wahlfreiheit behalten wird, bezahlt neu 15 statt 10% Selbstbehalt. Immerhin ist es uns gelungen, eine obere Grenze dieses Selbstbehalts im Gesetz aufzunehmen. Dennoch führt die Vorlage dazu, dass die Patienten noch mehr aus ihrer eigenen Tasche bezahlen müssen, wenn sie die freie Arztwahl behalten wollen. Bereits heute ist im internationalen Vergleich der Anteil überdurchschnittlich hoch, den wir für die Gesundheitskosten selbst bezahlen müssen. Dies spürt die grosse Mehrheit der Bevölkerung schmerzhaft im Portemonnaie. Während die Versicherten, also wir alle, mit Einschränkungen oder Mehrkosten belastet werden, wird mit den Versicherungen pfleglich umgegangen. Sie haben sich erfolgreich gegen eine Verpflichtung zum Anbieten dieser speziellen Versicherungsform gewehrt. Das kann in der Praxis dazu führen, dass Versicherte gezwungen werden, entweder einen höheren Selbstbehalt zu bezahlen oder die Krankenkasse zu wechseln.

Viele Menschen habe ihr persönliches Netz schon lange geknüpft. Sie haben eine Hausärztin, der sie vertrauen. Sie gehen hin und wieder zu einem Spezialisten, zum Augenarzt oder vielleicht zum Hautarzt. Sie beanspruchen Gesundheitsleistungen​ verantwortungsbewusst​ und massvoll. Wenn sie sich weiterhin in ihrem Netz behandeln lassen wollen und sich nicht genau diese Ärzte zu einem Managed-Care-Netz zusammenschliessen, müssten sie auf einen Schlag 15% statt 10%  Selbstbehalt bezahlen.

Diese Vorlage macht die freie Arztwahl zu einem Privileg für diejenigen, die es sich leisten können. Darum gehört sie abgelehnt.

 

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Eini​ge Artikel aus Statements finden Sie momentan auch auf www.vimentis.ch/dialo​g. Lassen Sie uns wissen, was Sie von dieser Zusammenarbeit halten! Wir nehmen Ihr Feedback gerne entgegen via redaktion@statements.​ch oder dialog@vimentis.ch

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Comments to: Anreize schaffen, nicht bestrafen.
  • März 25, 2012

    Managed Care verringert die Gesundheitskosten kaum. Die zusätzliche Belastung der Hausärzte frisst die wenigen möglichen Kosteneinsparungen längstens weg. Die bisher zur Verfügung stehenden Statistiken beschränken sich auf Personen mit im Durchschnitt deutlich kleinerem Krankheitsrisiko und geben deshalb ein ganz falsches Bild. Medizinische Beurteilungen von Patienten sind oftmals schwierig und viele unter uns haben schon davon profitiert, dass sie eine Diagnose von einem andern Arzt einholen konnten.

    In unserer Familie (inkl. Eltern und Geschwister) gab es vier gravierende Fehldiagnosen durch Hausärzte. In zwei Fällen wurde der medizinisch schon lange vorher erkennbare Krebs erst nach der Einholung einer Second Opinion von einem Spezialist entdeckt. In beiden Fällen war es dann leider zu spät. In einem weiteren Fall wurde durch das direkte – gegen den Willen des Hausarztes stattfindende – Aufsuchen eines Spitals die Patientin am Leben erhalten (gemäss den Ärzten ca. zwei Tage vor dem nahenden Tod). Ich selbst hatte zwar kein mein Leben bedrohendes Erlebnis. Doch mein Hausarzt unterstützte meinen Wunsch nicht, den jährlich wiederkehrenden Schnupfen von einem Spezialist abklären zu lassen. Da mich kein Managed Care davon zurückhalten konnte, ging ich trotzdem zu einem Ohren-, Nasen- und Hals-Arzt. Dieser konnte dank einem Allergietest meinen Heuschnupfen erkennen und mich mit der notwendigen Behandlung fortan von diesem erlösen. Ich bin ihm sehr dankbar. In meinem näheren Umfeld wurden weitere solche Erfahrungen gemacht.

    Es gibt wesentlich bessere Möglichkeiten, die Gesundheitsversorgung​ zu verbessern und gleichzeitig ihre Kosten spürbar zu senken. Dazu http://www.vimentis.ch/dialo​g/readarticle/die-med​izinische-apotheke-br​ingt-uns-mehr-als-man​aged-care/

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  • März 26, 2012

    Manged-Care ist eine reine Ausdehnung der Kosten/Discounter-Syn​drom: Darfs noch etwas mehr sein….. Wer in so eine Praxis geht (habe es ausprobiert), wird nicht ernst genommen, aber jede Grippelimpfung, wann waren sie zum letzten Mal beim Gynäkologen, man könnte auch mal ein Check-Up usw. …. Nun die Gesundheit ist das höchste Gut und heute wird alles vermarktet, es steht somit auch jederman zu sich alles andrehen zu lassen… Früher ging man zum Arzt wenn einem etwas fehlte, heute muss man aufpassen, dass einem nicht noch etwas angedreht wird. Danke der politischen Krankrednerlobby als verlängerter Arm der Pharmalobby. Gesund zu sein,bleiben ist heute eine Kunst die man beinahe als Studienfach promogieren dürfte….

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  • März 27, 2012

    Ich las so einige Kommentare darüber. Dabei fielen mir auch jene mit Fehldiagnosen auf. Ja, auch ich kenne die Möglichkeit von Fehldiagnosen und manchmal ist es sicher nicht einfach für Ärzte aufgrund der Symptomen die richtige Spur zu erwischen. Doch manchmal kann auch dank Ferienabwesenheit und Verweis auf einen anderen Berufskollegen die korrekte Behandlung und die entsprechende Verbesserung eingeleitet werden…. Kosten sparen könnte man sicher, indem unnötige Untersuchungen nicht mehrfach gemacht werden müssten, wenn die Kommunikation entsprechend klappt, die Hausärzte rasch(er) an Spezialisten verweisen anstelle von selber “versuchen” nebst anderem, was auch bereits erwähnt wurde.

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  • April 9, 2012

    Was eine Strafe oder ein positiver Anreiz (S. Schenker, oben) ist hängt vom Standpunkt ab. 10% Selbstbehalt ist eine Belohnung gegenüber 15%. Das managed care Modell (auch Hausarztmodell genannt) hilft mit Sicherheit sparen. Wer nämlich die freie Arztwahl hat, geht oft direkt zum Facharzt. Und er geht wegen jeder Kleinigkeit dorthin. Es fehlt das Hindernis. Beim Hausarztmodell muss man vorgängig eine Ueberweisung einholen. Und die macht der Hazsarzt, aber nur wenn nötig. So einfach ist das. Ich denke, es ist zumutbar, dass diejenigen, die diese Einschränkung zum Wohle aller nicht akzeptieren, auch etwas mehr Selbstbehalt zahlen. Wenn die SP gegen diesen Punkt ist, so verhält sie sich leider asozial, sicher nicht sozial.

    Im Uebrigen schlummert seit 11 Jahren das grösste Sparpozential beim CH-Gesundheitswesen im Aerztetarifsystem Tarmed. Es dürfte mehrer hunder Mio. CHF/a betragen. DSie Tarmed-Tarife sind z.T. grotesk hoch, für einen Normalverdiener nicht nachvollziehbar. Hier ist eine Revision nach 11 Jahren dringendst angezeigt. Beispiel: Eine Katarakt-OP kostet 2300.- an einem Auge (ohne Vor- und nachuntersuchungen!).​ Diese OP wird heute ambulant (man geht nach 2 Std. nomal nach hause) in der Augenarztpraxis durchgeführt und dauert ca. 15 Min. Früher war das eine Spital-OP mit Spitalaufenthalt. So ändern sich die Zeiten, aber nicht die Tarife ! Das ist nur eines unter vielen möglichen Beispielen. Frau S. Schenker sollte sich im NR um solche Sachen kümmern (parl. Anfrage an den BR wann und wie er das Tarmed-Tarifmodell zu revidieren gedenkt um es an die akt. Sit. anzupassen). Das spart, wie gesagt, hunderte von Mio./a.

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    • Juli 19, 2021

      Das Managed Care Modell lohnt sich doch nur für diejenigen, welche direkt an der Abschaffung der freien Arztwahl profitieren.

      Interessanterweis​e sind die vielen Arztkonsultationen ein Problem der Länder ohne freie Arztwahl, d.h. Managed Care/Integrierte Versorgung. Laut OECD bilden die Schweizer ein Schlusslicht bei den Arztbesuchen. Hoch sind diese überall wo integriert versorgt wird. Immer zuerst zum Hausarzt auch bei psychischen, gynäkologischen, Augenproblemen usw. rentiert sich nur für den Gatekeeper, der weiterüberweist und dafür kassiert. Aus einer Konsultation werden so zwei, vielleicht auch drei.

      Im Vergleich zum Kostenanstieg von ca. 3 – 5 Prozent jährlich zeigen die Managed Careländer explodierende Gesundheitskosten. Steigerung dort: Zwischen 10 und 20 Prozent. Auch hier liegen die OECD-Zahlen vor. Die rasch anwachsenden Managed Care Bürokratie, d.h. MC-Kontrolleure, MC-Manager, MC-Utilization Reviewer ist in England so ausser Kontrolle geraten, dass mittlerweile doppelt soviele “Manager” wie Ärzte in den Spitälern arbeiten. Zum anderen steigen die Kosten als Ergebnis der zahlreichen Patientenklagen. Die amerikanischen, dänischen und andere Patienten lassen es sich nicht mehr gefallen von unfähigen Gatekeepern in Wartelisten abgeschoben zu werden. Als in Dänemark mehr als 100 Krebspatienten wegen verschleppter MC-Behandlungen starben, klagten die Angehörigen – und bekamen Recht. Jetzt muss die dänische Managed Careorganisation Sundhedsstyrelsen bei diesen Erkrankungen eine sofortige Behandlung garantieren. Dafür fehlen im Land die Ressourcen, also werden die Patienten im Ausland behandelt und das kostet pro Jahr zwei Milliarden Kronen mehr.

      Es wäre hier sicher interessant die Interessensbindungen und Interessenskonflikte der Schweizer Managed Care-Befürworter mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

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  • April 9, 2012

    Frau Schenker, wann hören die lieben Politiker in Bern endlich auf am maroden Gesundheitssystem herumzubasteln. Das aktuelle System wird immer teurer und die Qualität nimmt immer mehr ab. Auch sind wir auf dem Weg zur Zweiklassenmedizin.

    Machen sie sich endlich mal Gedanken, wie dieses System von Grund auf neu aufgesetzt werden kann.

    Hier ein paar Gedanken die zu einem Umdenken anregen soll:

    Ich bin eigentlich ein Befürworter des Föderalismus. Leider ist aber die technologisierung in der Medizin so weit fortgeschritten, dass vor allem kleine Kantone vor einem grossen Problem stehen. Sie können die notwendigen Infrastrukturen nicht mehr effizient nutzen.
    Somit muss das Gesundheitswesen in der Schweiz neu überdacht und organisiert werden.

    Dieses könnte z.B. folgendermassen aussehen:

    -Die Gesundheitsversorgung​ wird in der Schweiz über 50 unterschiedlich spezialisierte Spitäler gesammtheitlich sichergestellt. Dort werden alle planbaren grösseren Eingriffe und die Weiterversorgung von grösseren Notfällen durchgeführt.

    -Für​ Notfälle sollen Notfallstationen gesammtschweizerisch so verteilt sein, dass eine von diesen von jedem Ort in der Schweiz innert vernünftiger Zeit erreicht werden kann. Dazu könnten z.B. ehemalige Spitäler zu Ärztezentren umgebaut werden. Dort wären mehrere Hausärzte mit einer gemeinsamen Infrastruktur tätig die auch gleichzeitig die Notfallversorgung gewährleisten würden.

    -Die frei werdenden Einrichtungen und auch das Personal könnten weiterverwendet werden. Da unsere Bevölkerung immer älter wird, wird der Bedarf an entsprechenden Einrichtungen und Fachpersonal immer grösser.

    Das Gute an meinem Vorschlag ist auch, dass sich durch die Spezialisierung die Qualität des schweizerischen Gesundheitssystems verbessern würde.

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  • Mai 17, 2012

    Auf der facebookseite http://www.facebook.com/mana​gedcare und http://www.facebook.com/frei​earztwahl sind viele Infos zu Managed Care gesammelt, Links zu den Statistiken und unzensierte Beiträge von Befürwortern und Gegnern der Vorlage. Einfach auf Gefällt mir drücken und mitlesen. Alle sind herzlich willkommen!

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