1. Aussenpolitik

„Der Brexit schadet den Briten weniger als gedacht“

Auszüge aus einem Ar­ti­kel von Chris­tine Ri­chard, (Bas­ler Zeitung)

 

Die nächste EU-Krise kommt bestimmt, und dann dürfen sich die Briten freuen, dass sie nicht mehr in der Haftungsgemeinschaft Europa festsitzen.

Grossbrit​annien importiert deutlich mehr Dienstleistungen und Güter aus der EU als umgekehrt. Ausserdem wächst der britische Export in Drittländer viel stärker als der Export in die EU. Wer also bei den kommenden Verhandlungen in der stärkeren Position ist, die EU oder das UK, ist noch lange nicht ausgemacht.

Das Wichtigste zuletzt: Alle reden nur von den ökonomischen Problemen. So, als sei es den Briten 2016 beim Brexit um wirtschaftliche Kennzahlen gegangen. In Wirklichkeit, davon zeugen die hohe Wahlbeteiligung und die Wut der Debatten, geht es um viel mehr. Es geht um tief sitzende Gefühle. Es geht um den Kampf zwischen Globalisten und Souveränisten. Es geht um das menschliche Bedürfnis nach Selbstbestimmung, Kontrolle, Identität, Grenzsicherung und Verteilungsgerechtigk​eit. Vielleicht sollte sich die Rest-EU darüber ein paar Gedanken machen, statt Grossbritannien als dumm und geschichtsvergessen abzukanzeln.

Was Ökonomen unterschätzen: Es gibt eine starke Nachfrage nach kultureller Identität. Das können Cottage, Cambridge und Scones mit Clotted Cream sein. Das kann jedoch ebenso der Wunsch sein, das multikulturelle Miteinander so zu erhalten, wie es ist, indem man es nicht überstrapaziert. Der Brexit kostet was. Schlimm? Nicht angenehm, aber zu verkraften. Studien zeigen auch für die Schweiz: Ab einem gewissen Wohlstand nehmen Menschen wirtschaftliche Einbussen in Kauf zugunsten anderer Werte. Der kulturelle Wohlfühl-Faktor, schwer zu messen, fehlt in volkswirtschaftlichen​ Bilanzen, aber er kann entscheidend sein.

Viele haben den Irrglauben, man könne den Zusammenhalt in der EU stärken, indem man darauf verweist, wie schlecht es den ausgetretenen Briten ergeht. Mit dem gleichen Recht könnte man auch umgekehrt argumentieren: Wie schlecht ist es in der EU gegangen, dass sich die Mehrheit der Briten bemüssigt fühlte auszutreten? Besser gefragt: Was könnte man verbessern? Dazu veröffentlichte Hans-Werner Sinn, einer der gewieftesten Ökonomen, einen «15-Punkte-Plan für Europa» (www.hanswernersinn.d​e). Im Internet zu lesen, speziell auch für Schweizer.

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Comments to: „Der Brexit schadet den Briten weniger als gedacht“
  • Februar 6, 2020

    Wenn die EU die Briten schwach halten will, um kein gutes Beispiel für weitere Austrittskanditaten vor der Haustüre zu liefern, schwächen sie sich auch, weil die Briten im Militär- und Sicherheitsbereich wichtig. Dazu sind sie neben Frankreich das einzige europäische Land mit einem Veto-Recht im Sicherheitsrat.

    Da​zu kann die EU auch Schaden nehmen, wenn der Freihandel mit GB stark verebbt, genauso wie GB Schaden nehmen würde.

    Freuen würden sich “Konkurenten” wie China, Russland oder USA.

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  • Februar 7, 2020

    Also,wenn ich mir zu Gemüte führe,wie momentan in D regiert wird,muss man damit rechnen,das von der EU versucht werden könnte,GB wirtschaftlich zu isolieren,so,wie sie es versuchen,mit der Schweiz.Natürlich sind dem “*Sozialistischen Grossreich” Deutschland der Austritt von GB und das “Aussenstehen” der CH ein Dorn im Auge.Was nachdenklich stimmt,ist die Tatsache,dass niemand in Brüssel nur im Geringsten zu Selbstkritik fähig gewesen wäre ,warum es denn so weit gekommen ist!Das bestärkt mich im Glauben,dass eben diese EU mit dem Ziel eines einheitlichen Staats-Gebildes geplant ist,und selbstverständlich nur in Form von Sozialismus und Umverteilung und Steuerquoten von 60 % die an den Einheits-Staat abzuliefern ist.
    Das sich Staaten,die im Osten gelegen sind ..und dasselbe schon mal erlebt haben..!!..nicht unbedingt wieder unter Sozialismus und Sklaverei begeben möchten,sollte eigentlich auch niemanden wundern!
    Das aber scheint das Ziel zu sein..!..alle europäischen Medien sind scheinbar fest darauf eingeschworen!Es täte mich unter diesen Voraussetzungen nicht wundern,wenn die ehemals “Oststaaten” deren konservative Regierungen mehr und mehr aus Berlin und Brüssel unter Beschuss kommen,sich mit Britannien zu einem neuen europäischen Wirtschafts-Bündnis zusammenschliessen würden.So gesehen kann es sein,dass urplötzlich GB am längeren Hebel sitzt,und die EU definitiv dem Niedergang “geweiht” ist.Die Zukunft scheint recht dramatisch zu werden!..ob Thüringen der Anfang war??

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  • Februar 7, 2020

    Das Trauma von zwei verlorenen Weltkriegen und die Unverständnis von Ost-West wiegt eben schwer.

    Während die Linke (Ex-SED) im “Westen” als salonfähig gilt, ist im Osten 40 Jahre DDR unter SED und Stasi noch lange nicht vergessen.

    Dazu kann die AFD im “Osten” effektiver blockieren, da man im “Westen” schwächer ist.

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  • Februar 7, 2020

    Die Krisen sind bewusst im System angelegt. Die Geldschöpfung ist nicht im Sinn und Zweck der Abdeckung der Bedürfnisse mittels gegenseitiger Leistung (Geld als Promotion) organisiert. Die Geldschöpfung darf weder verzinst noch ein Delkredererisiko beinhalten. Die Geldschöpfung kann der Gesetzgeber, korrekt nur an die Zentralbank delegieren! Die Geldschöpfung enthält Investition und Leistungserbringung und nicht Forderungen und Verpflichtungen.

    D​ie Symbiose unendliche Geldschöpfung und endliche Ressourcen der Erde gilt es zu organisieren.
    Ob Brexit, EU und was auch immer!

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  • Februar 7, 2020

    Nach dem die Zeit abgelaufen war, die Britten tatsächlich draussen sind, waren die Kommentare in den Deutschen Medien alles andere als Nett.

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  • Februar 7, 2020

    Nachdem erst einmal nur eine Übergangsfrist begonnen hat, in der sich erst einmal so gut wie nichts ändert, ist es wohl etwas zu früh bereits zu behaupten das der Brexit den Briten nicht schadet.

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    • Februar 8, 2020

      Guten Tag Herr Wagner
      Ich habe diesen Artikel nicht wegen des Titels teilweise kopiert, sondern weil mir die Argumentation einleuchtet, vor allem auch die Akzeptanz von wirtschaftlichen Einbussen vor Einbussen der Selbstbestimmung. Da ja die wirtschaftlichen Einbussen vor allem die Grossaktionäre betreffen. Das glaube ich gilt auch für die Schweiz, deshalb kein Rahmenabkommen.

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    • Februar 8, 2020

      Wirtschaftliche Einbussen bedeuten in der Regel steigende Arbeitslosigkeit, sinkende Reallöhne usw. Darunter leidet der einfache Arbeiter oder Angestellte weit mehr als der Grossaktionär. Wer kurz vor der Rente oder bereits in Rente ist mag da andere Prioritäten haben als jemand der unter Umständen noch Jahrzehnte im Erwerbsleben stehen muss, eine Firma oder eine Familie gründen möchte. Auch starke Wechselkursschwankung​​en durch wirtschaftliche Turbulenzen können Ersparnisse zerstören. Einbussen für Grossaktionäre relativieren, aber dabei die “kleinen Leute” zu vergessen ist fatal.

      Ich habe letztens einen interessanten Artikel über Wales gelesen: Wales gilt als Armenhaus Grossbritanniens. Wales hat überwiegend für den Brexit gestimmt, was aber von vielen als Votum gegen die Regierung in London interpretiert wurde. Was viele nicht auf der Uhr hatten, wie sehr Wales wie auch andere strukturschwache Regionen von Zahlungen aus der EU profitieren: 80% der Einkommen der Bauern in Wales sollen aus der EU stammen (Subventionen, aber auch Umsätze). Was Grossbritannien in die EU zahlt ist nur eine Seite der Geschichte: grosse Teile des Geldes fliessen auch wieder zurück.

      Es gibt im britischen Sunderland eine grosse Fabrik des japanischen Autoherstellers Nissan, wo überwiegend für die EU-Länder Autos hergestellt werden. Sunderland hat rund 170´000 Einwohner, fast 50´000 davon arbeiten in Sunderland entweder für Nissan oder für Zulieferbetriebe. Für japanische Autohersteller war Grossbritannien ein Fuss innerhalb der EU. Allerdings ist gerade 2019 ein zehnprozentiger Einfuhrzoll für Fahrzeuge aus Japan in die EU weggefallen, was auch aufgrund der Unsicherheiten durch den Brexit bereits dafür gesorgt hat das bestimmte Modellinien dann doch nicht in Grossbritannien, sondern in Japan hergestellt werden.

      Sie sollten überlegen, ob eventuelle Schadenfreude Grossaktionären gegenüber wirklich die starke Bedrohung der “kleinen” Existenzen einfacher Arbeiter oder Angestellte wert ist.

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    • Februar 8, 2020
  • Februar 12, 2020

    Wichtiger als Scones ist m.E. die Fischereiindustrie.
    ​​Zudem profitiert GB auch heute noch vom Commonwealth.
    Dem grössten Markt der Welt, dem man vielleicht wieder mehr Gewicht einräumen wird.

    Hanswerner Sinn zu lesen macht Sinn!
    Zu empfehlen, vor allem für EU-Turbos inkl. Bundesrat.
    (wegen der einfältigen Bekämpfung der Begrenzungsinitiative​​)

    Sinn ist nicht prinzipiell gegen die EU.
    Aber Sinn hat schon von Anfang an vom Zentralismus an gewarnt.
    Man hat ihm nicht zugehört.
    Unglücklic​​herweise hat man ihm nicht zugehört und den Euro eingeführt.

    Der Schaden eines Brexits ist für die EU grösser als für GB.
    GB kann die Einwanderung nun unabhängig steuern.

    England braucht seine Küsten nicht mehr durch europäische Fischfabriken leerfischen zu lassen.
    Die Engländer können dies nun selber tun.
    Damit wird das wichtige Nationalgericht “fish and chips” wieder bezahlbar.

    Die EU hingegen wird empfindlich geschwächt, weil das Verhältnis Nord/Süd/Ost aus dem Gleichgewicht zu gleiten droht.

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  • Februar 18, 2020

    SRF:
    Die Brexit-Fronten verhärten sich. Am Montagabend skizzierte David Frost, der wichtigste Berater des britischen Premierministers Boris Johnson in Sachen Brexit und Verhandlungsführer in Brüssel, einen kompromisslosen Austritt aus der Europäischen Union.

    Gewichtige Stimmen aus Brüssel betonen seit Wochen, dass ein reibungsloser Zugang zum europäischen Binnenmarkt für britische Exporte an Bedingungen geknüpft sei. Die EU fordert europäische Regeln für staatliche Beihilfen, Arbeitnehmerrechte und beharrt auf dem Europäischen Gerichtshof als Schiedsgericht.

    Fr​ost lehnte dies rundweg ab. Die Abweichung von EU-Normen sei ja gerade der Zweck der Übung. Das sei keine Verhandlungsmasse, sondern unverrückbar. Die EU und das Vereinigte Königreich müssten sich auf Augenhöhe begegnen, forderte Frost.

    England ohne Angst, ein Lehrstück für unsere Politiker

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    • Februar 18, 2020

      Anders formuliert; England verliert den Zugang zum Europäischen Binnenmarkt.

      Wie sich der Brexit auf die deutsche Wirtschaft auswirkt, kann hier nachgelesen werden:

      https://de​.reuters.com/article/​brexit-deutschland-id​DEKBN1ZU1PL

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    • Februar 19, 2020

      Naja Herr Matt, geschrieben von R. Wagner, Deutscher, ist klar, was er schreibt, schreiben muss.

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    • Februar 19, 2020

      Es geht nicht darum, was ein Deutscher schreiben muss. Tatsache ist, dass mit dem Austritt aus der EU, 40 Freihandelsverträge wegbrechen. Was heisst das? Grossbritannien wird dadurch erpressbar, die Wirtschaft braucht massenweise abgeschlossene Verhandlungen.

      Der Ökonomieprofessor Dennis Novy sagte einmal: «In Handelsgesprächen bist du entweder der Würger oder du wirst gewürgt.» Als Grossbritannien noch in der EU war, war sie ein Teil eines gigantischen Würgemonsters, doch allein ist Grossbritannien nur ein mittelgrosser Markt.

      Die EU hat für alle Nicht EU-Mitglieder die gleiche Strategie, das gilt auch zukünftig für Grossbritannien.

      I​hr Standarddrehbuch läuft wie folgt:

      1. Sie verlangen von Anfang an offen das Maximum, samt der Schleifung aller Zölle. Gleichzeitig erklären sie mehrere Themen von vornherein für tabu – mit Berufung auf die jeweiligen Empfindlichkeiten der verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten.

      2. Die Interessen von 27 Staaten zu vertreten, ist sicher nicht einfach. Die EU-Verhandler nutzen dies, um jederzeit Themen mit Verweis auf «interne Uneinigkeit» blockieren zu können.

      3. Letztlich heisst die zentrale EU-Strategie: «Wir sind gross, du bist klein, also friss es!»

      Die Übergangszeit «nur» bis Ende 2020 laufen zu lassen, würde heissen, dass die Verhandlungszeit mit der EU auf acht Monate verkürzt wird, denn der Vertrag muss spätestens Ende Oktober stehen, damit 27 Staaten ihn ratifizieren können. Was Frost verschweig ist: Scheitert das Vorhaben, gibt es Ende des Jahres doch noch einen harten Bruch zu Lasten von Unternehmen und Bürgern.

      Michel Barnier, der Chefverhandler der EU, erklärte:

      Verhande​lt wird dabei an zehn Tischen gleichzeitig. Allerdings erwartet niemand befriedigende Ergebnisse. Acht Monate für solche Verhandlungen sind ein Scherz. Normalerweise brauchen sie Jahre.

      Ein Auszug von hier:

      https://www.​republik.ch/2020/02/0​1/es-ist-kalt-da-drau​ssen-grossbritannien

      Sie und Jossi sollten diesen informativen Artikel mal in aller Ruhe durchlesen. Ein Lehrstück für unsere Politiker ist das bestimmt nicht, da die Schweiz nicht mit Grossbritannien vergleichbar ist. Auch Experten halten diesen Zeitplan für äusserst ehrgeizig – und die Folgen eines EU-Abschieds ohne Handelsabkommen für katastrophal.

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  • Februar 19, 2020

    NZZ:
    Die britische Regierung hat sich gegen Kontrollen der EU nach einem Freihandelsabkommen mit Brüssel ausgesprochen. «Zu glauben, wir könnten eine EU-Aufsicht in Fragen sogenannter gleicher Wettbewerbsvoraussetz​ungen akzeptieren, übersieht schlicht den Punkt, um den es geht», sagte der britische Chefunterhändler David Frost am Montagabend in einer Rede vor Studenten an der Freien Universität Brüssel. Grossbritannien sei überhaupt nur deswegen aus der Europäischen Union ausgetreten, damit diese sich nicht mehr in Regeln und Vorschriften einmischen könne, erklärte Frost. Das sei nicht nur eine Verhandlungsposition,​ sondern der Kern des Brexits: die volle politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit Grossbritanniens.
    We​nn Schweizer Politiker auch ohne Angst reagieren könnten, würde wir von der EU nicht dauernd in die Zange genommen.

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