1. Gesundheitswesen

Ein Plädoyer für die Hausärzte

Unser Ge­sund­heits­we­sen ver­liert seine bewährtesten Player
Ein Plädoyer für die Hausärzte


Unverdrossen fischen wir Hausärzte in den trüben Wassern der medizinischen Grundversorgung, oft etwas hemdsärmelig und aus dem hohlen Bauch heraus und dennoch den wissenschaftlichen Prinzipien verpflichtet. Wir beteuern, den schönsten Beruf überhaupt auszuüben, arbeiten im Schnitt rund sechzig Stunden pro Woche, leisten gratis Notfalldienst und weisen zusammen mit den Lehrern und Pfarrern die höchste Burnout-Rate auf. Wir spielen eine Schlüsselrolle im Gesundheitswesen, insbesondere aber in den neuen Managed Care Modellen. Wir lösen eine Unzahl von medizinischen Problemen auf einfache und kostengünstige Art und kennen unsere Patienten in ihren bio-psycho-sozialen Gefügen.

Bereits zum zweiten Mal diese Woche dreht mein Nachtessen seine Runden in der Mikrowelle, während meine Gedanken noch um den Hausbesuch bei Frau W. kreisen. Medizin mit einfachsten Mitteln am Bett einer schwerkranken Frau, deren komplexe medizinische Problematik allerlei Komplikationen birgt, lässt viele Fragen unbeantwortet und bietet Raum für Unsicherheiten und Zweifel. So ein Besuch nach einem strengen Praxistag fordert heraus, noch einmal die Ohren zu schärfen für die Schilderung der Beschwerden, sich nicht mit einer vorschnellen Beurteilung zufrieden zu geben, sowie neue Aspekte zu erfassen und richtig zu gewichten. “Möchtest Du nicht wenigstens ein paar Worte mit mir wechseln?” fragt meine Frau, die mir gegenüber am Tisch sitzt und ihre Spaghetti bereits vor einer Stunde gegessen hat…

Aussterbende Rasse
Während allerlei Sachverständige und selbsternannte “Gesundheitspolitike​r” versuchen, ihre Vorstellungen für ein bezahlbares Gesundheitswesen durch die politischen Kraftfelder zu schleusen, verrichten wir unsere Arbeit an der Basis. Als “gutmütige Chrampfer” bezeichnete Nationalrat Toni Bortoluzzi unlängst unseren Berufsstand und machte keinen Hehl daraus, dass die fehlende politische Lobby uns dereinst schaden wird. Trotz erfolgreich lancierter Hausarztinitiative, etlichen parlamentarischen Vorstössen und der Mehrheit der Bevölkerung, die ihre Hausärzte nicht missen möchte, scheint der Untergang der Hausarztmedizin nicht mehr abzuwenden. Wenn der gegenwärtige Trend anhält, werden in 5 Jahren die Hälfte der heute praktizierenden Hausärztinnen und Hausärzte in Pension gehen, ohne dass sie einen Nachfolger gefunden haben werden.

Qualität durch Managed Care
Mehrheitlich durch die Initiative engagierter Hausärzte sind bereits vor einigen Jahren erste Modelle „Integrierter Versorgung“ (engl. Managed Care = MC) entstanden. Sie schlossen sich zu Netzwerken zusammen und verpflichteten sich zum Besuch von regelmässig stattfindenden „Qualitätszirkeln“. Dort werden aus dem niederschwelligen Gedankenaustausch heraus Qualitätsrichtlinien erarbeitet, meistens anhand von realen Fällen und gelegentlich durch den Beizug von Spezialisten. Über die Hälfte der praktizierenden Hausärzte sind einem MC-Modell angeschlossen, jedoch erst rund zwanzig Prozent der Patienten. Letztere verpflichten sich, im Krankheitsfall in der Regel zuerst den Hausarzt aufzusuchen. Das hohe Sparpotential dieser sog. Türsteherfunktion (engl. Gate-keeping) wurde kürzlich durch eine Studie belegt, welche aufzeigte, dass Patienten, die mit harmlosen medizinischen Problemen die Notfallpforte eines Spitals aufsuchen, enorme Kosten verursachen. Die politische Entwicklung zeigt nun aber, dass die MC-Vorlage in den parlamentarischen Ränkespielen und parteipolitischen Grabenkämpfen unterzugehen droht. Die Gründe sind komplex und vielfältig – der schwarze Peter ist sowohl im linken, wie auch im rechten Lager zu finden.

Managed Care ohne Manager
Eigentlich hätten u.a. durch die MC-Modelle positive Signale an den medizinischen Nachwuchs gesendet werden sollen, doch die jungen Ärztinnen und Ärzte wollen nicht mehr Allgemeinpraktiker werden. Sie richten  ihre beruflichen Perspektiven nach der Realisierbarkeit moderner Arbeitsmodelle, z.B. Teilzeitarbeit und der Familienverträglichke​it. Diese lassen sich ausser in grösseren Gruppen- oder HMO-Praxen kaum verwirklichen. Ausserdem schrecken die neuesten Wirtschaftlichkeitsve​rfahren der Santésuisse gegen Hausärzte, der tendenziell zunehmende administrative Aufwand, sowie die kürzlich erfolgte Revision der Labortarife die jungen Mediziner von der Übernahme einer Hausarztpraxis ab. Trotz unzähliger politischer Vorstösse auf Kantons- und Bundesebene lässt die Besserstellung der Hausärzte auf sich warten. Wenn ich als Hausbesitzer Heizkosten sparen will, muss ich Geld in die Hand nehmen und das Dach isolieren. Im Gesundheitswesen wird am falschen Ort gespart; das morsche Ziegeldach wir durch eine billige Plastikplane ersetzt. Länder, in denen die ärztliche Grundversorgung einen hohen Stellenwert hat, so z.B. Holland, haben signifikant tiefere Gesundheitskosten!

W​ider die Theoretiker
Doch in den Schubladen des Bundesamts für Gesundheit lagern ganz andere Ideen. Die zu teuren ärztlichen Grundversorger sollen durch günstigere Gesundheitsfachleute,​ sog. Nursing Practitioners ersetzt werden. Eine parlamentarische Initiative von SVP-Nationalrat Rudolf Joder verlangt sogar, dass das KVG (Art. 25) dahingehend geändert werden soll, dass Pflegefachleute ohne ärztliche Verordnung medizinische Leistungen zu Lasten der obligatorischen Grundversicherung erbringen dürfen. Dahinter steckt die Idee, dass für Blutdruck- und Blutzuckermessungen, sowie einfache Diätempfehlungen kein Doktortitel nötig ist. “Akademiker sind zu teuer für die Grundversorgung“, monierte der frühere BAG-Direktor Zeltner. Was haben diese beiden Männer und die meisten Gesundheitsökonomen gemeinsam? Sie alle haben auch nicht eine Minute in einer Arztpraxis gearbeitet! Theoretisch sind deren Überlegungen an sich plausibel und das politische Klima wird derart vom Prämiendruck (und den kommenden Wahlen) bestimmt, dass jede nur denkbare kostensenkende Massnahme nach sofortiger Umsetzung drängt – den Nachweis der Nachhaltigkeit bleiben diese Hauruck-Massnahmen in der Regel schuldig!

Manager mit Bauchgefühl
Was ist denn so besonders an der Hausarztmedizin? Es ist das, was man als „ärztliche Kunst“ bezeichnen kann. Diese während Studium, Assistenzzeit und Praxisjahren erworbene Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, Informationen zu gewichten und dem „Bauchgefühl“ das adäquate Gewicht beizumessen – stets unter Berücksichtigung des erworbenen und im Rahmen der Fortbildungspflicht vertieften medizinischen Wissens. Ärztliche Kunst webt die verschiedenen Informationen in einen bio-psycho-sozialen Kontext (beschreibt den Zusammenhang zwischen Körper, Psyche und sozialem Umfeld). Dieser Sachverhalt ist denn auch der Schlüssel zur Kosteneffizienz der Hausarztmedizin – die Kenntnis unserer Patienten ist pures Kapital. Den Gesundheitsfachleuten​ fehlt diese Vielschichtigkeit und Tiefe – mitunter ein Grund, dass sie bei medizinischen Entscheidungen kaum Verantwortung übernehmen wollen. Sehr oft liefern Pflegefachleute wichtige Informationen zu allen (bio-psycho-sozialen)​ Facetten und sind so unverzichtbarer Bestandteil der Behandlungskette. Stehen aber komplexere medizinische Probleme an, braucht es den Hausarzt als „Manager“, sonst ist der Schritt zu den (teuren) Spezialisten vorprogrammiert.

Uns​er Gesundheitswesen gleicht einem Weinberg. Die Politik ist nun gefordert, in Respekt vor dem natürlichen Gewachsenen den Wildwuchs anzugehen, weise und bedacht zu beschneiden und wo nötig zu düngen oder zu lichten. Dabei ist der politische Mähdrescher mit vordergründig plausiblen „Sofortmassnahmen“ ebenso fehl am Platz wie parteipolitisches Geplänkel! Am schädlichsten sind aber sind die Lobbyisten-Maulwürfe…​

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Comments to: Ein Plädoyer für die Hausärzte
  • September 10, 2011

    Wenn es keine Hausärzte mehr geben wird, wird auch das Hausarztmodell nicht mehr funktionieren und das Gesundheitswesen wird teurer.

    Man könnte die Hausärzte extrem entlasten, wenn Ihre Tätigkeit pro Zeiteinheit abgerechnet würde.

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