1. Bildung & Forschung

Es gibt nichts arbeitsmarktferneres als die Universität!

Provoziert Sie mein Titel? Lassen Sie mich erklären, was ich damit meine:

Ich finde es unerhört, wie ei­ner­seits die eng­li­sche vor­nehme Ge­sell­schaft Igno­ranz gegenüber den Re­vol­ten ihrer Ju­gend an den Tag legt und an­de­rer­seits hie­sige Me­dien­schaf­fende die aufständischen Bri­ten als Krawallbrüder be­zeich­nen, die ein­fach bloss teure TV- Geräte klau­en, Autos anzünden, Steine in Schau­fens­ter schmeis­sen woll­ten und eher Hoo­li­gans sei­en, die Freude an sinn­losre Ge­walt hätten, als Men­schen mit einer po­li­ti­schen Bot­schaft.

 

Das englische Bildungssystem fördert nur die Elite!

 Diese Sicht der Dinge die zurzeit in England geschehen ist fatal und entbehrt jeglichem Verständnis für die sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge eines Landes. Wohl, Gewalttaten und Plünderungen sind kriminell, ob von Jung oder Alt. Doch diese jenseits der Begutachtung der Bildungssysteme als „Freude an Gewalt und Langeweile“ abzutun, ist Populismus und entbehrt jeglicher seriösen Recherche. Hinter solchen Szenarien wie sie in England momentan ablaufen, steht eine soziale Dramatik, die ihren Anfang im britischen Bildungssystem hat. Man stelle sich vor, im Juni dieses Jahres lag die Arbeitslosenquote aller Jugendlichen in England bei 20% und diejenige der jungen Menschen in Tottenham, wo die Revolte ihren Ursprung hat, bei 50%.

 

Was macht England denn falsch? Im Gegensatz zur Schweiz können englische Jugendliche keine Berufslehre machen. Zwar schliessen viel mehr Jugendliche in diesen Ländern mit einem maturitätsähnlichen Abschluss ihre Schulzeit ab als bei uns in der Schweiz, doch wer diesen Abschluss nicht erreicht, also die Mittelschule nicht schafft, für den gibt es keine Möglichkeit eine Berufslehre zu absolvieren. So gesehen fördert das englische Bildungssystem nur die schulische Elite.

England kennt wie Spanien, Griechenland, Portugal oder Frankreich das Duale Bildungssystem, wo nach der obligatorischen Schule eine Lehre in einem Betrieb absolviert werden kann, nicht. Wohl besitzen über 40% der jungen Engländer einen Ausbildungsabschluss,​ doch dieser wurde nur vollschulisch, ohne Praxis und ohne Förderung des handwerklichen, praktischen Wissens erreicht. Diesen Ländern fehlen dann Fachkräfte und schlussendlich auch funktionierende Wasserhähnen, elektrische Anlagen, Heizungen etc. Die Ausbildung über den vollschulischen Weg und die Förderung der geistigen Elite ist arbeitsmarktfern.

 

Lanzen brechen für die Lehrlinge!

 Mit einer Arbeitslosenquote von ca. 4%  bei den Jugendlichen bis 24 Jahren kann die Schweiz zwar zufrieden sein, darf sich aber nicht damit zufrieden geben. Ja, wir müssen sogar aufpassen, dass wir – im Vergleich mit den anderen europäischen Ländern – nicht selbstzufrieden unser eigenes Bildungssystem vernachlässigen. Als Bildungsfachfrau fordere ich daher, dass wir unsere Bildung nicht verakademisieren, dass wir Menschen die über weniger schulische Fähigkeiten verfügen mit guten Löhnen und wertschätzender Bewertung in eine Berufslehre schicken. Wir müssen bereits ab der Grundstufe das handwerkliche Geschick gleichwertig fördern wie die mathematischen und sprachlichen Fähigkeiten. Die Selektion, welche sich in fast allen Kantonen vorwiegend über die Fächer Sprache und Mathematik definiert, gilt es zu bekämpfen. Wir müssen mit höheren Löhnen dafür sorgen, dass handwerklich Geschickte einen ebenso hohen sozialen Status und Vorteile in den Bildungsinstitutionen​ bekommen wie die geistige Elite.

 

Ökonomen sollten endlich Bildungspolitik betreiben!

Seien wir froh, dass wir ein Bildungssystem kennen, das unsere Jugendlichen bereits bei dir Ausbildung in den Arbeitsmarkt integriert und so echte Fachkräfte aus ihnen macht. Brechen wir offiziell immer wieder Lanzen für unsere Lehrlinge doch ruhen wir uns danach nicht aus. Verankern wir in den Köpfen unserer Politikerinnen und Politiker, dass der Wohlstand unseres Landes NICHT in einer hohen Maturitätsquote liegt. Ich fordere die Ökonomen auf, sich endlich ernsthaft mit der Bildung ab Kindergarten zu befassen und zu erkennen, dass für unsere – im internationalen Vergleich – tiefe Jugendarbeitslosigkei​t und unseren Zusammenhalt das duale Bildungssystem verantwortlich ist und nicht nur der starke oder schwache Franken und die Wirtschaftswachstumsr​ate!

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Comments to: Es gibt nichts arbeitsmarktferneres als die Universität!
  • August 27, 2011
  • August 27, 2011

    Bin ebenfalls genau gleicher Meinung.

    Beispiel eines verakademisierten Berufes:
    http://www.​horte-online.ch/infor​mation/ausbildung.htm​l

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  • August 29, 2011

    Frau Roth sie haben Recht, noch etwas:

    Die Gewerbler der SVP tragen mit ihren Lehren die sie auch sehr vielen ausländischen Jugentlichen anbieten am Meisten zur Integration bei!

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  • August 29, 2011

    Zu diesem Thema habe ich 2 Punkte.

    Leider wurde auch der Beruf des Primarlehrers verakademisiert. Dies hat dazu geführt, dass viele fähige Jugendliche keinen Zugang zu dieser Ausbildung mehr haben. Das System mit dem Lehrerseminar (das eigentlich mit dem System der Berufslehre vergleichbar war) war meines Erachtens bedeutend besser.

    Die Universitäten haben grösstenteils die Verbindung zur realen Welt verloren. Da kann jeder kommen und studieren was er möchte. Ob dies dann aber im realen Leben gebraucht wird, wird nicht hinterfragt. Die Universitäten sollten mehr auf die Bedürfnisse der Wirtschaft und unser Land achten. Sie werden ja auch grösstenteils von uns finanziert. So sollte es doch z.B. möglich sein, die Studentenzahlen so zu steuern, dass es keinen Mangel an Naturwissenschaftlern​ gibt.

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