1. Gesundheitswesen

Integrierte Versorgung im Gesundheitswesen

Integrierte Ver­sor­gung zum Nut­zen von Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten sowie des Versorgungssystems

In medizinischen Versorgungsnetzen arbeiten Haus-und Spezialärzte, Apotheker, Spitäler, Spitex und andere Leistungserbringer eng zusammen – zum Vorteil der Patienten. Mit integrierter Versorgung kann Qualität und Effizienz der Gesundheitsversorgung​ verbessert werden. Der Patient wird vom Arzt seines Vertrauens durch das komplexe System der Gesundheitsversorgung​ gesteuert. Dadurch werden Überdiagnostik, Mehrfachbehandlungen,​ Interaktionen von Medikamenten sowie unnötige Arztkonsultationen und Spitaleinweisungen vermieden. Der Mehrnutzen für Patienten liegt in einer prozessoptimierten besseren Behandlung. Versicherte haben weiterhin die Wahlfreiheit. Sie können ein Versorgungsnetzwerk wählen oder sich die situative Wahlfreiheit offen halten.

Die alltägliche Geschichte eines Patienten, nennen wir ihn Herr Weibel: Herr Weibel verspürt unbestimmte Schmerzen in der Brustgegend. Er geht zum Hausarzt. Dieser nimmt eine Blutprobe und macht ein Röntgenbild. Die Resultate ergeben keinen eindeutigen Befund. Die Schmerzen werden indes immer stärker und Herr Weibel wird ins Spital eingeliefert. Dort wird nochmals Blut genommen und das gleiche Röntgenbild gemacht; zur Sicherheit noch eine Computertomographie. Er wird gefragt, welche Medikamente er einnimmt. Er weiss die Anzahl – es sind  acht pro Tag – und die Farbe der Pillen. Verordnet wurden sie vom Hausarzt, vom Kardiologen und vom Augenarzt. Eine Tablette nimmt er nicht mehr ein, weil er davon Magenbrennen bekommen hat. Dafür nimmt er noch komplementärmedizinis​che Tröpfchen, nachdem ihm eine Nachbarin empfohlen hat, zum Homöopathen zu gehen. Davon weiss der Hausarzt nichts. Wie er auch nicht weiss, dass Herr Weibel die gelben Pillen fortgeworfen hat und erst kürzlich wieder beim Kardiologen war.

Doppelspurigkei​ten vermeiden

Koordinati​onsmängel zwischen Haus- und Spezialärzten sowie mit dem Spital gehören zur Tagesordnung und führen zu Überdiagnostik, Doppel- bis Mehrfachuntersuchunge​n sowie zu Interaktionen und Unverträglichkeiten bei den Medikamenten. Solche Schnittstellenproblem​e, nicht abgestimmte Untersuchungen und Therapien verursachen sinnlose Kosten und können sich auch negativ auf die Gesundheit auswirken, den Heilungsprozess behindern statt fördern.

Managed Care (MC) soll diesen Missstand beheben. Der Nationalrat hat in der Sommersession eine Revision des Krankenversicherungsg​esetzes (KVG) zur Förderung von MC oder integrierter Versorgung versabschiedet. (Die Begriffe Managed Care und integrierte Versorgung werden als Synonyme verwendet und bedeuten dasselbe.) In integrierten Versorgungsnetzen oder MC-Modellen arbeiten verschiedene Leistungserbringer, Hausärzte, Spezialisten, Apotheker, Spitäler, Spitex, etc. eng zusammen. Dabei wird die Betreuung des Patienten über den ganzen Behandlungsprozess hinweg von einer Fachperson, in der Regel vom Hausarzt, gesteuert. Er ist die primäre Ansprechperson für den Patienten. In einem Vertrag zwischen dem Versorgungsnetzwerk und den Krankenversicherern werden Einzelheiten der Zusammenarbeit, wie Datenaustausch, Qualitätssicherung und Leistungsvergütung geregelt. Im Netzwerk müssen die Leistungserbringer die Verantwortung für das medizinische Resultat und für das ökonomische Ergebnis der Gesundheitsversorgung​ mittragen.

Bessere Qualität bei tieferen Kosten

Für den Patienten liegt der Mehrwert in einer qualitativ optimierten Behandlung. Es gibt bereits verschiedene erfolgreiche MC-Modelle, welche aufzeigen, dass bei besserer Qualität tiefere Behandlungskosten anfallen, weil Doppelspurigkeiten, Über- und Falschversorgung verhindert werden. Von diesen Einsparungen sollen die Versicherten mit tieferen Prämien und tieferen Kostenbeteiligungen profitieren.

Beim eingangs erwähnten Fall von Herrn Weibel werden im MC-Modell die Röntgenbilder und Laboruntersuchungen nur einmal gemacht, nämlich vom Hausarzt, bzw. vom Netzwerkarzt, der es am besten kann. Das Spital muss diese verwenden. Der Hausarzt weiss, welche diagnostischen Untersuchungen und therapeutischen Behandlungen gemacht werden, welche Medikamente vom Urologen, vom Augenarzt und vom Homöopathen verschrieben worden sind und kann so in Qualitätszirkeln mit Spezialisten und Apothekern feststellen, welche Medikamentenkombinati​onen nicht verträglich sind. In einem MC-Modell hätte Herr Weibel möglicherweise gar nicht ins Spital eingeliefert werden müssen.

 

Ruth Humbel ist Nationalrätin CVP und Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit.

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Comments to: Integrierte Versorgung im Gesundheitswesen
  • September 29, 2010

    Ich bezweifle, dass diese Massnahmen die Kosten im Gesundheitswesen senken und die Qualität verbessern. Auch wenn bei mir alles über den Hausarzt koordiniert wird, muss ich immer wieder kontrollieren, dass der Informationsfluss sichergestellt ist. Seien wir doch mal ehrlich: Wenn mein Hausarzt alle 15 Minuten einen Patienten hat und er 8 Std. am Tag für Konsultationen zur Verfügung steht, dann behandelt oder kontrolliert er täglich 32 Patienten. Wie soll er da alles im Kopf haben und den Überblick behalten, besonders wenn die KG komplex, lang und dick ist? Hat er die Zeit, sich bei jedem Patienten vor der Konsultation ins Bild zu setzen? Oder reichts ihm schon an der ständig zunehmenden Verwaltungsarbeit? Bleibt ihm die Zeit und Fähigkeit, die Körperwahrnehmungen des Patienten soweit wahrzunehmen, dass er daraus eine (Verdachts-)Diagnose ableiten kann?

    Mehr Qualität im Gesundheitswesen würde auch bedeuten, dass Ärzte sich fortbilden. Wir stehen vor anderen Herausforderungen, als noch vor 20 Jahren. Ist die pharmaunabhängige Fortbildung von Ärzten sichergestellt? Was unternimmt die Politik, um getürkte Studien der Pharma zu unterbinden? Oder glaubt jemand, dass dies keine Gesundheitskosten verursacht?

    Was weiss man über die gesundheitlichen Auswirkungen von den immer wieder überschrittenen Grenzwerten von Ozon, Feinstaub etc.? Über Einflüsse von Pestiziden in Lebensmitteln – von den gentechnisch veränderten ganz zu schweigen? Über langfristige Einflüsse von Hormonen und Impfungen? Über den Verlauf von Zoonosen bei derart massivem Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft? Oder will man davon nichts wissen, weil es der Wirtschaft schaden könnte? Glaubt wirklich jemand, dass die vielfältigen Einflüsse unserer “zivilisierten Welt” keine Einflüsse auf unsere Gesundheit haben? Die IV-Renten mit psychosomatischen Diagnosen haben bekanntlich in den letzten Jahren massiv zugenommen. Ist das eine Zunahme von “Simulantismus” oder ist das ein Produkt aus unserem wirtschaftsorientiert​en Gesundheitsystem? Sind wir doch ehrlich: wer eine “weiss nicht was-Krankheit” hat, wird in die Psychoschublade entsorgt.

    Warum muss die Krankenkasse alles bezahlen, auch wenn offensichtlich unnötige Untersuchungen oder Behandlungen aufgrund offensichtlicher Fehldiagnosen durchgeführt wurden?

    Man sollte nicht alles auf dem Rücken der Patienten austragen. Der Patient darf nicht auf Gedeih und Verderben dem Arzt aufgeliefert sein.

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  • Oktober 12, 2010

    Sehr geehrte Frau Humbel
    Sie haben offensichtlich ein Lieblingsthema. Ich zweifle aber einmal mehr daran, ob mit Ihren Vorschlägen Geld gespart werden kann. Das Thema ist derart unüberschaubar geworden, dass es nur noch eine Lösung gibt – ein grundlegender Neuaufbau des Systems, keine Pflästerli-Politik mehr.
    Was sind die Kernaufgaben des Gesundheitssystems? Für was muss eine Krankenkasse und für was der Patient aufkommen?
    Niemand scheint mir dieser grossen Herausforderung fertig zu werden und niemandem scheint es zu gelingen, Reformvorschläge zu unterbreiten welche über diese Pflästerli-Poliktik hinausgehen.
    Die Krankenkassenprämien steigen unentwegt. Niemand kann das offensichtlich stoppen. Sie haben es in der Hand, Frau Humbel. Helfen Sie, einen Neuaufbau zu starten.

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  • März 29, 2011

    Ein einfaches Beispiel: Meine Frau hatte Gürtelrose. Arztbesuch: Medikamente für ca. Fr. 500.00 aber keine Besserung. Besuch bei einem befreundeten Drogisten: Homöopathie für Fr. 36.00. Nach 10 Tagen war die Gürtelrose vollständig abgeheilt.
    Arztkoste​n und Medikamente von insgesamt knapp Fr. 700.00 wurden anstandslos bezahlt, die Fr. 36.00 mussten wir aus eigener Tasche bezahlen, was es uns auch wert war. Ist das nicht paradox?

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  • April 30, 2012

    Als Frau NR Humbel 2011 bei einer MC-Diskussion gefragt wurde, ob sie sich mit ihrer Familie denn in einem Managed-Care-,(auf Neudeutsch: Integrierte Versorgung) Netzwerk versichert hat und behandeln lässt, kam die liebe Frau ganz schön ins Stottern. “Ähem, ähem Nein, aber ich habe es bald vor”. Das nennt man Wasser predigen und Wein trinken. Aber eigentlich hat sie ja ganz recht. Es wäre ja auch ausgesprochen dumm sich Managed Care mässig zu versichern, weil dort die Behandlung definitiv schlechter ist und verantwortungslos gegenüber ihrer Familie obendrein.

    Interessanterweis​e sind die vielen Arztkonsultationen ein Problem der Länder ohne freie Arztwahl, d.h. Managed Care/Integrierte Versorgung. Laut OECD bilden die Schweizer ein Schlusslicht bei den Arztbesuchen. Hoch sind diese überall wo integriert versorgt wird. Immer zuerst zum Hausarzt auch bei psychischen, gynäkologischen, Augenproblemen usw. rentiert sich nur für den Gatekeeper, der weiterüberweist und dafür kassiert. Aus einer Konsultation werden so zwei.

    Im Vergleich zum Kostenanstieg von ca. 3 – 5 Prozent jährlich zeigen die Managed Careländer explodierende Gesundheitskosten. Steigerung dort: Zwischen 10 und 20 Prozent. Zum ist das ein Ergebnis der zahlreichen Patientenklagen. Die dänischen und andere Patienten lassen es sich nicht mehr gefallen von unfähigen Gatekeepern in Wartelisten abgeschoben zu werden. Als in Dänemark mehr als 100 Krebspatienten wegen verschleppter MC-Behandlungen starben, klagten die Angehörigen – und bekamen Recht. Jetzt muss die dänische Managed Careorganisation Sundhedsstyrelsen bei diesen Erkrankungen eine sofortige Behandlung garantieren. Dafür fehlen im Land die Ressourcen, also werden die Patienten im Ausland behandelt und das kostet pro Jahr zwei Milliarden Kronen mehr. Aber darüber berichtet Frau Humbel natürlich nicht. Schade.

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