1. Gesellschaft

Laudation für den Lehrberuf

Ich fin­de, dass der Lehr­er­be­ruf eine grosse Her­aus­for­de­rung ist. Des­halb wünsche ich mir, dass der Aus­bil­dung von Lehr­per­so­nen mehr Auf­merk­sam­keit ge­schenkt wird.

Als kleines Mädchen wollte ich Kinderkrankenschweste​r werden. Durch eine Krankheit im Kindergartenalter kannte ich diesen Beruf besonders gut. Später dann, nachdem mir das Christkind eine Gitarre gebracht hatte und mir mein grosser Bruder ein Bravo-Abonnement schenkte, wäre ich furchtbar gerne Schlagersängerin geworden. Nur gab es damals noch kein Music-Star Casting.

Schliesslic​h bin ich – eher zufällig – Lehrerin geworden: Ich war eine gute Schülerin, musisch interessiert, und so entschied ich mich für den Eintritt ins damalige Lehrerinnenseminar. In meiner ersten Lektion an der seminareigenen Übungsschule fasste ich die Aufgabe, die 2.-Klässler mit den Kartoffeln vertraut zu machen. Dafür hatte ich für jedes Kind einen prächtigen «Bintje» mitgebracht. Doch bevor ich richtig zur Sache kam, hatten die Schüler die rohen Kartoffeln bereits aufgegessen. Einer begann reinzubeissen und unter Johlen folgten alle andern. Innert fünf Minuten waren meine Demonstrationsobjekte​ weg, und die ersten Schüler begannen schon über Bauchweh zu klagen. Nach diesem Erlebnis fand ich mich für den Schuldienst wenig geeignet, und ich begann nach der Mittelschule gleich Romanistik zu studieren.

Leben als Übersetzerin

Doch was macht man nachher mit dem Diplom im Sack? Ich bewarb mich als Übersetzerin bei einem grossen Lausanner Verlag. Natürlich träumte ich davon, dass ich mit viel Engagement grosse Werke übersetzen dürfte, aber zum Einstieg bot man mir nur billige Arztromane an, die Zeile für 20 Rappen. Ich rechnete schnell, dass ich davon kaum leben könnte, da ich manchmal an Sätzen unsinnig feile, bis ich zufrieden bin.

So übernahm ich halt doch eine Stelle als Sprachenlehrerin an der Bezirksschule Lenzburg. Und wer hätte das gedacht?! Daraus wurde dann ein Vierteljahrhundert interessanter Lehrtätigkeit an verschiedenen Schulen und Stufen. Ich machte diese Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen wirklich gern. Die trockene Grammatik braucht es. Sie gibt ihnen ein wichtiges Rüstzeug, aber daneben kann man so viel anderes machen: singen, spielen, lesen, rätseln, fabulieren. Es gibt nur eine Bedingung: Es muss französisch sein.

Nach meiner Wahl ins Bundesparlament gab ich das Unterrichten auf. Leicht ist mir dieser Ausstieg nicht gefallen, aber ich konnte wertvolle Erfahrungen aus diesem Beruf in die Politik mitnehmen:

Es ist spannend ganz verschiedene Menschen für ein gemeinsames Ziel zu gewinnen: über das Sehen, Hören oder Fühlen. Am ehesten gelingt es mit hartnäckiger Geduld gepaart mit Freundlichkeit. Eine Lehrperson darf aber nie nur reine Wissensvermittlerin sein. Wenn man die Persönlichkeit dahinter nicht spürt, werden die Fakten zwar gehört, aber nicht verstanden.

Kinder und Jugendliche sind meist von einer kritischen Offenheit. Das fordert, dass man sein Wissen immer wieder aktualisieren muss. Dadurch öffnen sich einem Tore zu ganz vielen Gebieten und verschiedenen Generationen.

 

Leh​rberuf ist eine grosse Herausforderung

Es ist eine grosse Herausforderung Tag für Tag Wissen zu vermitteln, zu motivieren, trösten, erklären und dabei Herzblut zu geben, ohne selber auszubluten. Das schafft nur, wer sich ein Umfeld schafft, wo er ab und zu selber empfangen, fragen und hinterfragen kann.

Aber Mitverantwortung übernehmen für die Bildung, Erziehung und Persönlichkeitsentwic​klung von Kindern und Jugendlichen ist ein wunderbarer, attraktiver Beruf. Er ist für die Zukunft unserer Gesellschaft bedeutender, als das Verwalten von Geld oder die Planung von Strassen. Ich wünschte mir manchmal, dass dieser Ausbildung ähnliche Aufmerksamkeit zukomme und die Lehrpersonen gleiche Wertschätzung erfahren mögen!

Text: Christine Egerszegi-Obrist

http://www.familien​leben.ch/familiensach​e/laudatio-fuer-die-l​ehrberufe

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Comments to: Laudation für den Lehrberuf
  • Juli 19, 2011

    Da haben Sie aber Glück gehabt, dass sie rechtzeitig ausgestiegen sind. Heute sieht es ein bisschen anders aus im Lehrberuf.

    Von der Leitbild-Diskussion folgt anschliessend die interne und externe Evaluation. Sofort danach muss man noch bei der Feedback-Gruppe mitmachen. Dann noch für den Elternbesuchstag die Getränkeharasse heranschleppen. Weiter geht es mit der Beantwortung diverser Fragebogen. Schliesslich müssen die neuen Vorgaben der Bildungsdirektion studiert werden. Irgendwann muss man sich für die dazugehörigen Zertifizierungsprüfun​gen vorbereiten. Habe ich noch etwas vergessen? Wann wird eigentlich die Schullektion vorbereitet? Selbstverständlich mit dem neu eingeführten Lehrmittel…

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  • Juli 30, 2011

    Ja was nun, Frau Egerszegi? Ihrer guten Analyse folgt leider keinerlei politische Konsequenz. Wenn die Linke wieder einmal die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Lehrerschaft fordert, folgt das “sooo nicht” der FDP-PolitikerInnen wie das Amen in der Kirche. Der politische Stillstand in der Schweiz ist nicht nur auf die politische Polarisierung zurückzuführen, sondern auch auf die Unfähigkeit der Mitte-Parteien, mehrheitsfähige Lösungen vorzuschlagen.

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