1. Bildung & Forschung

Lehrplan 21: Staatskunde darf keine Klammerbemerkung sein!

Seit Kur­zem sind die Grund­la­gen des Lehr­plans 21 be­kannt. Auch wer sich nicht stark mit den De­tails be­fasst, be­merkt etwas so­fort: Das Thema Staats­kunde wird in einer Klam­mer­be­mer­kung ab­ge­han­delt. Dies ist für die jung­frei­sin­ni­gen un­be­greif­lich.

Da​s Thema „Staatskunde“ gehört zu einer Fächergruppe mit dem wohlklingenden und abgehobenen Titel „Räume, Zeiten, Gesellschaften“. Diese Fächergruppe wiederum ist dem Bereich „Geschichte“ zugeordnet. Als Klammerbemerkung erhält der Staatskundeunterricht​ allerdings superprovisorischen Charakter. Daher ist kaum damit zu rechnen, dass Staatskundeunterricht​ tatsächlich in jedem Kanton in den Lehrplan aufgenommen und unterrichtet wird.

In unserem politischen System übernimmt jeder Verantwortung und besitzt diverse Möglichkeiten, politisch mitzuwirken. Nur mit dem Wissen, welches die politischen Rechte und Pflichten sind und wie unser politisches System funktioniert, können diese Chancen wahrgenommen werden.

Weshalb Staatskunde sehr nötig ist, zeigt etwa die Wahlbeteiligung, gerade bei jungen Personen. Auch das Bild der Schönheitskönigin, die das Bundeshaus nicht erkannte, ist geblieben. Ganz davon zu schweigen, dass erschreckend wenige Personen wissen, wozu der Nationalrat überhaupt gut ist oder welche Parteien im Bundesrat vertreten sind.

Es muss sichergestellt sein, dass mit jedem Ausbildungsgang das nötige Wissen vermittelt wird. Unabhängig davon, ob jemand eine Berufslehre in Angriff nimmt oder das Gymnasium besucht: Nach der Ausbildung müssen alle fähig sein, abzustimmen oder sich politisch zu engagieren. Jedem muss bewusst sein, wie unser politisches System funktioniert. Es wäre schön, wenn das Bundeshaus bei uns eine ebenso hohe Erkennungsquote hätte wie der Eiffelturm oder Mickey Mouse.

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Comments to: Lehrplan 21: Staatskunde darf keine Klammerbemerkung sein!
  • Juni 2, 2010

    Ich pflichte Ihnen selbstverständlich zu 100 Prozent bei. Das Gleiche gilt auch für Ökonomie und etwas Rechtskunde. Allerdings muss die Befähigung und nicht die Indoktrination im Vordergrund stehen.

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  • Juni 3, 2010

    Sie haben vollkommen recht – das einzige was viele wissen ist die Pflicht der Steuern – was die Rechte sind, ist vielen unbekannt.

    Darum bin ich der Übereugung, dass die Staatskunde (nicht Geschichte) viel mehr als bisher im Unterricht verankert sein muss.

    Es ist erschreckend, wenn “gestandene” Schweizer keine Ahnung von einem Petitionsrecht haben.

    Nach meiner Ansicht sollte auch mehr von politischen Rechten statt von Pflichten geredet werden, da viele Menschen mit Pflichten mühe haben.
    Dabei sind es meistens politische Rechte – wir haben das Recht an Abstimmungen teilzuunehmen, wir haben das Recht Unterschriften zu sammeln, wir haben das Recht zu wählen, wir haben das Recht eine Petition einzureichen usw. – also alles Rechte welche gepflegt werden sollten, sonst gehen sie uns verloren!

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  • Juni 3, 2010

    bin absolut Ihrer Meinung, nur sollte sich der Lehrstoff derart gestalten, dass man sich nicht wie in diesem Link fühlt; damit wèrde man nur das Gegenteil einer Motivation erreichen. http://www.ch.ch/ebuku/index.html?lang=de

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  • Juni 4, 2010

    Ich bin auch der Meinung, dass Staatskunde eine wichtige Komponente in der Ausbilung ist. Trotzdem bin ich vorsichtig mit Aussagen, die fordern, dass dies und das auch noch in der Schule gelernt werden muss.
    Jede zusätzliche Stunde in einem Fach muss bei einem anderen eingespart werden. Mathematik und Problemlösungskompete​nz, Deutsch, Englisch, Französisch und Geschichte sind sicher wichtiger als Staatskunde. Was nützt es zu wissen, dass es ein Petitionsrecht gibt, wenn man aus den Fehler der Vergangenheit nicht gelernt hat (Geschichte), die Petion nicht sauber formulieren kann (Sprachen) oder bei einfachsten Aufgaben im Job überfordert ist (Problemlösungskompet​enz)?
    Eine super Ausbildung in diesen Kernfächern ist die erste Priorität. Wenn dann noch Zeit bleibt, so meine persönliche Meinung, kann man darüber diskutieren, wie man diese auf die restlichen Fächer verteilt.

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  • Juni 5, 2010

    Dieser Eintrag scheint mir typisch für die derzeit gepflegte Erwartungshaltung gegenüber den Jugendlichen. Aus der Tatsache, dass sich viele Jugendliche nicht für Politik engagieren, wird rasch geschlossen, dass sie keine Ahnung haben. Aus der erschreckend tiefen Stimmbeteiligung unter jungen Personen folgt vorschnell der Schrei nach mehr Staatskundeunterricht​.
    Nur: Weder den grossen nationalen Parteien noch den Jungparteien gelingt es, diejenigen Themen anzugehen, welche die Jugend wirklich beschäftigen. Statt Probleme anzupacken und zu lösen diskutieren wir über Staatskundeunterricht​ und erwarten von den Jugendlichen, dass sie dies auch noch toll finden und mitdiskutieren. Diese aber haben längst begriffen wie Politik funktioniert, lassen sich von solchen Scharaden nicht beeindrucken und warten seelenruhig auf Taten statt Worte.
    Ich glaube: Bevor die Jugendlichen etwas für die Politik tun, sollte die Politik damit beginnen, etwas für die Jugendlichen zu tun. – Staatskundeunterricht​ ist Symptombekämpfung.

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    • Juni 6, 2010

      @ Roman Tschupp: Da bin ich aber anderer Meinung. Sobald du dich mal ausserhalb des Kantonsschulen-Umfeld​ bewegst (aber auch innerhalb!) gibt es sehr sehr viele Junge die überhaupt keine Ahnung haben, wie unser politisches System funktioniert. Ich behaupte mal, dass die Mehrheit selbst Grundsätzliches nicht kennt/versteht. Natürlich spricht hier nur die eigene Erfahrung, diese aber lässt mich z.T. erschrecken. Ausserdem: Welche Themen interessieren die Jungen? Z.B. hätte die Abstimmung über den Umwandlungssatz die Jungen brennenst interessieren sollen. Tat es aber nicht.

      Wir sind uns, so denke ich, einig, dass Kenntnis über das Funktionieren der Demokratie gerade in der Schweiz äusserst wichtig ist.
      Ich bin überzeugt, dass wir hier ein Problem haben, da diese Kenntnis in breiten Kreisen fehlt. Also lösen wir das Problem. Nur wie? Woher sollte ein Jugendlicher lernen, wie die Schweizer Demokratie funktioniert? Ich sehe 2 mögliche Quellen: Idealerweise sollte er es von zu Hause vermittelt bekommen. Anscheinend findet das nicht statt. Das ist bedenklich, aber wie willst du das ändern? Dann bleibt nur noch die zweite Bildungsquelle: Schule. Wer glaubt, dass man die Funktionsweise unseres Staates “vom Leben” sprich seinen Peers lernt, verkennt die Realität. “Das Leben” von 90% der Jungen ist halt mal völlig Politikfrei. Es gibt für viele Jugendliche selten was “uncooleres” als Politik – auch hier spreche ich aus leidvoller eigener Erfahrung.
      Was bleibt also? Die Schule. Natürlich ist es keine ideale Lösung. Es werden sich auch nach Besuch eines Staatskundeunterricht​s nicht alle für Politik interessieren. Aber sie wissen danach wenigstens wie das System funktioniert. Ob damit die tiefe Stimmbeteiligung ansteigt? Viel stärker wohl kaum, das ist ein gesammtgesellschaftli​ches Problem: Für den Einzelnen ist es halt durchaus rational nicht stimmen/wählen zu gehen.
      Dennoch bin ich überzeugt, dass Staatkunde gerade in der Schweiz zwingend zur Allgemeinbildung gehören muss. Da man diese Bildung sonst nirgends bekommt, ist es naheliegend, dies an der Schule zu lehren. Ich bin aber mit Dani Läubli insofern einverstanden, dass die von ihm genannten Fächer nicht tangiert werden dürfen, denn diese haben ganz klar Priorität.
      Die Jungfreisinnigen (z.B. im Kanton Aargau) fordern denn auch, dass kein anderes Fach zu kurz kommen darf, wenn Staatskunde als obligatorisches Schulfach (oder im Rahmen eines anderen Faches) eingeführt wird. Das würde zwangsläufig mehr Wochenstunden bedeuten. Ob dies erwünscht resp. der Lehrerschaft zumutbar ist, ist zumindest frag-würdig. Alternativ müssten Prioritäten gesetzt werden. Ich setze mich hier zwar in eine bildungspolitische Nessel, aber gesagt soll es dennoch sein: Es gibt noch andere Fächer im Lehrplan ausser Sprachen, Mathematik, Problemlösungskompete​nz und Geschichte…

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    • Juli 14, 2010

      Sehr geehrter Herr Tschupp
      Ich kann Ihre Argumente verstehen, allerdings nicht vollumfänglich. Ich kann auch bestätigen, dass das früher keineswegs besser war. Vor 30 Jahren habe ich mich auch nicht für Politik interessiert und fast allen Bekannten und Freunden ging das ebenso. Politisch interessierte junge Menschen waren auch früher die Ausnahme. (Trotz rot gefärbtem Staatskundeunerricht)​.
      Allerdings ist es eine Ausrede, dass man sich deshalb nicht interessiert, weil sich die Politik nicht für die Jugend einsetzt.
      Die junge Leute sollen sich Zeit nehmen, erst mal das Leben geniessen. Sie wissen selbst, wann die Zeit gekommen ist, sich der Politik zuzuwenden.
      Ein weiterer Ablöscher ist die Art und WEise wie die “Alten” politisieren. Da wird von der Jugend Anstand und Ehrlichkeit verlangt und selbst demonstriert man das Gegenteil. Da muss man sich nicht wundern.
      Alles Gute

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  • Juni 6, 2010

    Ob Staatskunde Schulfach ist spielt keine Rolle. Wer sich nicht für Politik interessiert, bei dem nützt auch der beste Staatskundeunterricht​ nichts. Ich kann jeden verstehen der sich von der Politik abwendet. Die politischen Diskussionen am Fernsehen bewegen sich nur noch auf tiefstem Niveau. Oft hätten Nichtpolitiker Ehrverletzungs- oder Verleumdungsklage, für da gesagte am Hals. Viele die ich kenne wieder das nur noch an. In den Zeitungen geht dann das Spiel dann weiter. Kaum irgendeine vernünftiger Artikel. Recherche ist ein Fremdwort, da wird nur noch 1 zu 1 übernommen was aus Parteizentralen oder Behörden herausgelassen wird. Leider ist das Publikum nicht ganz unschuldig, wichtige Themen werden kaum kommentiert, aber bei Nebenschauplätzen wecken das Interesse.

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  • Juni 7, 2010

    Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare – ich freue mich natürlich über die Zustimmung!
    @Roman Tschupp: die Themen, die Jugendliche beschäftigen, werden durchaus von Jung- und Altparteien bearbeitet. Sie werden teilweise auch von Jugendlichen diskutiert, etwa an der Jugendsession oder weiteren Veranstaltungen, die oft von Vereinen und Jungparteien für die interessierten Jugendlichen durchgeführt werden.
    Erschreckend ist allerdings, dass vielen nicht bewusst ist, wie unser System funktioniert und was für Möglichkeiten es bietet. Ganz davon zu schweigen, dass viele bei uns nicht einmal die Bundesratsmitglieder oder -Parteien nennen können.
    Das Ziel ist ja nicht, dass danke dem Staatskundeunterricht​ jeder Jugendliche die eigene Volksinitiative in Angriff nimmt. Aber wenn Anliegen bestehen, gibt es auch viele kantonale und kommunale Möglichkeiten der politischen Intervention, die oft zu wenig bekannt sind.
    Zudem wäre es auch wichtig, das System zu verstehen, um etwa Zeitungsartikel, wie sie Herr Meier kritisiert, verstehen und einordnen zu können. Sonst fallen die meisten Zeitungsleser nämlich genau auf die unsauber recherchierten und oberflächlichen Berichte rein.
    Momentan ist es einfach zu stark lehrerabhängig, ob bei den Schülern das politische Interesse geweckt und das Verständnis gestärkt wird. Ich bin überzeugt, dass hier mit vergleichsweise wenig Aufwand eine grosse Wirkung erzielbar wäre.

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  • Juni 12, 2010

    Ich finde es sehr wichtig, dass Staatskunde einen Platz im Unterricht erhält. An meinem vorherigen Gymnasium (Deutsches Gymnasium Biel) hatten wir Staatskundeunterricht​. Ich weiss jedoch von genug anderen Gymnasien, dass dies dort keinen Platz findet. Und in der Berufsschule ist der Staatskundeunterricht​ wohl ebenfalls inexistent.
    Wer nie lernt, wie unser Staat funktioniert, wird sich auch nicht für unsere Politik interessieren. Die Staatskunde senkt erfahrungsgemäss die Hemmschwelle, sich mit Politik zu befassen, erheblich. Insbesondere, wenn man den Auftrag erhält, doch einmal mit Smartvote herauszufinden, wo man politisch steht (das gab für so einige in meiner Klasse eine Überraschung).

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  • Juni 16, 2010

    An meinem Gymnasium (Bern-Neufeld) wurde auch Staatskundeunterricht​ gelehrt. Als es darum ging, Kumulieren und Panaschieren zu diskutieren, hat der Lehrer natürlich ganz zufällig die SP-Frauenliste verwendet. Das war nicht der einzige Beitrag im roten Werbefenster. Ich bin deshalb gegenüber staatlichem Staatskundeunterricht​ ein wenig kritisch eingestellt. In erster Linie ist das eine Aufgabe der Eltern, die Schule soll nur subsidiär ergänzen. Auf alle Fälle müssen hier die Eltern die Möglichkeit haben mitzugestalten.

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  • Januar 8, 2011

    Miserable Wahlbeteiligung der Jungwählerinnen und Jungwähler: Versagen des staatsbürgerlichen Unterrichts!

    Die kürzlich veröffentlichte Statistik über die Wahlbeteiligung der Jungwählerinnen und Jungwähler hat eine starke Unterbeteiligung dieser Alterskategorie gezeigt. Diese Tatsache hat verschiedene Gründe: Konzentration auf die Ausbildung; andere Interessenschwerpunkt​e wie Sport, Musik, FreundIn, Gründung einer Familie; mangelnde Erfahrung und Einsicht in das politische Geschehen. Offenbar hat auch der staatsbürgerliche Unterricht an den Schulen die politische Beteiligung der Jungen nicht zu heben vermocht.

    Was wird doch alles für Wissensballast in die Schülerinnen und Schüler getrichtert, zu dem im späteren Leben kein Bezug mehr hergestellt wird. Vom politischen Geschehen ist aber jedermann und jede Frau vielfach unmittelbar betroffen; hier sollten möglichst viele möglichst kompetent mitentscheiden. Der heutige staatsbürgerliche Unterricht beschränkt sich aber oft nur auf die Vermittlung von trockener Materie in Form von Institutionskenntnis und Funktionsabläufe; so kann kein Engagement für unsere Staatsform wachsen. Es gilt, die politische Auseinandersetzung an Fallbeispielen zu erklären und die Schülerinnen und Schüler im politischen Werten zu üben. Diese Aufgabe kann für die Lehrenden natürlich heikel werden, da bei politischen Themen immer Einmischung der Eltern und/oder der Schulaufsicht droht. Die Zuweisung dieser Bildungsaufgabe an die Eltern ist aber eine Ausrede, da sich ja viele Eltern auch nicht politisch engagieren. Die politische Urteilsbildung muss in unseren Schulen endlich so unterrichtet werden, dass das Engagement der Jungen wieder spürbar wird. Das sind wir unserer Demokratie schuldig.

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  • März 25, 2011

    Wo bleibt das Thema Jugend und Politik?

    Die Politikerinnen und Politiker setzen sich vehement für die Musik-, Sport-, Kultur- und Gesundheitsförderung unserer Jugend ein. Von der Förderung der staatspolitischen Bildung, vom Wecken des Interesses an der Politik hört man hingegen aus Politkreisen wenig. Muss man erst alt werden, um in der Politik, wo die wesentlichen Weichenstellungen für unsere Gesellschaft getroffen werden, kompetent mitreden zu können? Hat man Angst vor einer ungestümen, politisch aktiven Jugend?

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