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Lernen vom Ruedertal

Wir stim­men bald über eine neue Ener­gie­stra­te­gie ab. Kern der­sel­ben ist: Ei­gen­ver­ant­wor­tu​​ng. Na­tio­nale und per­sön­li­che. Im We­sent­li­chen soll Ener­gie soll ver­mehrt aus ein­hei­mi­schen, er­neu­er­ba­ren Quel­len ge­won­nen wer­den, und sie soll ef­fi­zi­ent ein­ge­setzt werden.

Zur besseren Energieeffizienz: Der Durchschnittsverbrauc​​h eines Neuwagens sank von 1989 bis 2012   rund 9.0l/100km auf 6.21l . 2016 verbrauchte ein Kühlgerät pro Liter Kühlvolumen im Schnitt noch 0,72 Kilowattstunden (kWh) Strom pro Jahr. 2003 lag dieser Wert noch bei 1,31 kWh, knapp das Doppelte. Die 2015 verkauften Tumbler durchschnittlich verbrauchten mit 133 kWh pro Jahr. 2008 lag der Wert dreimal höher (Quelle: Bauwelt.ch). Leiden Sie heute an schlechteren Autos, Kühlschränken und Tumblern? Kaum. Teureren? Auch nicht. Dafür bezahlen Sie weniger Strom und Benzin. Hinter diesen Verbesserungen stehen staatliche Vorschriften (Energieetikette, Gerätezulassungen, Emissionsvorschriften​​). Wenn man das Resultat anschaut, muss man sagen: äusserst effiziente. Mit dem neuen Energiegesetz werden solche Massnahmen fortgeführt und auf eine kohärente Rechtsgrundlage gestellt.

 

Zu den Energiequellen: Unsere letzte Energiestrategie stammt aus den 1950er-Jahren: Wasserkraft und Atom. Das mit der Wasserkraft hat hervorragend geklappt. Auch die Idee mit den Atomkraftwerken kann man den damaligen Akteuren nicht vorwerfen: Von Strahlung verstand man noch kaum was, glaubte, in den Alpen sei Uran zu finden BBC und Motor Columbus würden mit einem Schweizer Reaktor die Welt erobern. Aber seither musste man lernen: zu kompliziert, zu risikobehaftet und in der Vollkostenrechnung zu teuer. Dass man auch nach 60 Jahren AKW eine Lösung für das Müllproblem noch nicht einmal absehbar ist, ist der I-Punkt auf der Bankrott-Erklärung. Wenn dann Frau Gautschy (Gemeindeammann von Gontenschwil AG) in einem Leserbrief über „Technologieverbote für die Wirtschaft“ jammert (welches Schweizer Technologieunternehme​​n entwickelt denn heute noch Atomtechnik?), kann man sich nur an den Kopf greifen. Die Technik der atombeheizten Dampfmaschine geht gerade von alleine unter, weiland Fernschreiber und Telefonrundspruch. Und wenn Herr Rösti von Reaktoren der 4. Generation träumt: Diese Fusionsreaktoren waren schon in einem Kinderbuch, das ich vor 38 Jahren zu Weihnachten erhielt, in grossen Erstklässler-Buchstab​​en als Energietechnik der Zukunft beschrieben. Das sind sie quasi noch heute; so unabdingbar und so realistisch wie ein Besuch bei den Grünen Männchen auf dem Mars. Als reale Strategie taugen sie nicht. Denn moderne Elektrogeräte sind zwar effizient, aber mit Träumen alleine laufen sie auch nicht. Wenn die jetzigen AKW vom Netz gehen (und sie werden vom Netz gehen, keiner lebt ewig), so muss eine Ersatz-Energieversorg​​ung stehen, die funktioniert. Ohne Wunder, aber nach dem Vorbild der Wasserkraft mit Beiträgen aus vielen Quellen, die es hier gibt und die wir technisch im Griff haben: Solarenergie, Geothermie, Wind, Wärme-Kraft-Koppelung​​ mit Biogas und Holz, mit Zwischenspeichern in Gastanks, Stauseen und Autobatterien.

 

Wie die Effizienzsteigerung findet auch der Ausbau der Erneuerbaren bereits statt. Er muss nur noch stärker angekurbelt werden. Das neue Energiegesetz sieht dazu sehr moderate, über den Strompreis erhobene Beiträge vor. Die 0.8 Rappen pro Kilowattstunde sind ein Drittel dessen, was Regierungsrat Attiger letzte Woche nur schon zur Stützung der staatlichen Energiekonzerne in der aktuellen Preisbaisse gefordert hat. Meinen Haushalt würden sie zum Beispiel 28 Franken im Jahr kosten. Auf der Haben-Seite steht eine Energieversorgung, die weniger anfällig ist auf einen Terroranschlag im Panamakanal oder einen Unfall in Sellafield, und die statt von Staatskonzernen viel stärker vom lokalen Gewerbe und Privaten selbst bereitgestellt wird.

 

Wenn man heute durch die Landschaft fährt und schaut, wer seine Energie bereits selber produziert, so findet man dies hier:

a) im Umfeld von innovativen Gewerbebetrieben: Elektroinstallateure,​​ Dachdecker, Gebäudetechniker etc.: weil die die nötigen Techniken bereits im Griff haben und nur darauf warten, sie auch in der Fläche anzuwenden.

b) bei Industriebetrieben: weil sie auf Strom angewiesen sind und die Eigenproduktion hilft, das Strompreisrisiko abzusichern. Frau Gautschy müsste nur ins ortseigene Industriegebiet gehen um zu sehen, dass Solaranlagen nicht nur Privatspielzeug sind.

c) in der Landwirtschaft: Weil Bauern seit je ein Flair dafür haben, die Ressourcen, die ihnen die Natur bietet, in ihrer ganzen Vielfalt zu nutzen.

d) in den Randregionen. Im Südwestaargau sieht man das zum Beispiel ganz deutlich im Ruedertal: gefühlt jedes zweite Haus hat hier bereits Sonnenkollektoren oder eine Solaranlage, viele weitere heizen vermutlich mit Holz. Nicht, weil der Strom hier besonders teuer oder die Leute besonders alternativ wären. Sondern weil sich in den Randregionen die gute alte Schweizer Tradition erhalten hat, dass man Probleme nicht ideologisch bewirtschaftet, sondern pragmatisch löst. Aus eigener Kraft und mit den Mitteln, die man real zur Verfügung hat.

Ich wünsche mir mehr von diesem Realismus und dieser Eigenverantwortung in der Schweizer Energiepolitik. Deshalb stimme ich am 19. Mai JA zum neuen Energiegesetz.

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Comments to: Lernen vom Ruedertal
  • Mai 11, 2017

    In Nordkorea funktioniert die Energiewende schon!

    Klar, jeden Winter erfrieren zwar tausende Menschen aus der Bevölkerung, aber Kim, die Parteifunktionäre und die Genossen haben es dafür wohlig warm!
    Zu welcher Gruppe sich, Philipp Kästli wohl zugehörig fühlt??

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  • Mai 11, 2017

    **Leiden Sie heute an schlechteren Autos, Kühlschränken und Tumblern? Kaum. Teureren? Auch nicht. Dafür bezahlen Sie weniger Strom und Benzin.**

    Stimmt doch nicht…
    Gas und Strom Preise sind um einiges höher als 2000 …

    Wenn ich etwas in Energie Effizienz investiere erstelle ich zum Zeitpunkt der Evaluation eine Rechnung, was für ein Potential…(als Unternehmer Rendite, Abschreiben etc ) ich erwarte.
    Ich nehme Zahlen, usw, und brauche dazu noch Politische Stabilität, heisst, ich brauche keine Abstimmung die im Jahr x, nachdem ich investiert habe, eine politische Kehrtwende macht, und eine Co 2 Steuer alles wieder zunichte macht.
    Das ganze Modell Rechenmodell ist für ‘d ‘ Füchs. Und schon kommt die nächste Abstimmung.

    Wissen sie was? Als Unternehmer höre ich doch auf, ich bin 60, für mich reicht es was ich beiseite habe…

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  • Mai 13, 2017

    Der Autor schreibt, dass in den letzten Jahrzehnten massive Effizienzsteigerungen​ stattgefunden haben, womit er sicher recht hat. Je effizienter Geräte allerdings bereits sind, desto aufwendiger und kostspieliger wird es, noch weitere Effizienzsteigerungen​ zu erreichen. Des Weiteren ist nicht einzusehen, weshalb die Reduktion von 43% des pro-Kopf Energieverbrauchs im Gesetz festgeschrieben werden sollte, wenn man annimmt (wie der Autor dies offenbar tut), dass diese sich allein durch den technologischen Fortschritt ohnehin einstellen wird.

    Wenn der Autor schreibt, die Bauern würden heute schon häufig als Stromerzeuger auftreten “weil Bauern seit je ein Flair dafür haben, die Ressourcen, die ihnen die Natur bietet, in ihrer ganzen Vielfalt zu nutzen”, so ist dies sehr beschönigend – vielmehr wurden die Bauern (leider) seit Jahrzehnten darauf konditioniert, staatliche Subventionen optimal abzuschöpfen. Dieser Logik folgend haben es viele von ihnen frühzeitig verstanden Scheunendächer mit staatlich subventionierten Solarpanelen vollzupflastern und (in den vormals wunderschönen jurassischen Freibergen) ihre Land (gegen grosszügiges Entgelt) als Standort für ebenfalls staatlich subventionierte Windturbinen zur Verfügung zu stellen.

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    • Juli 19, 2021

      Herr Maletinsky,
      – Ja, der Energieverbrauch pro Person gehört nicht ins Gesetzt, sondern höchstens als Zielvorstellung in eine Verordnung.
      Der Energieverbrauch, hängt von vielen Faktoren ab. Wenn die Industrie gut läuft, braucht sie vermutlich mehr Strom dafür. Es gibt auch einen Energieverlust – der von Hochspannungsleitunge​n an die “Luft” abgegeben wird. Ich weiss nicht wieviel das ausmacht. Aber der Verlust ändert sich scheinbar je nach Wetterverhältnissen.
      – Die Bauern machen ihre Arbeit gut. Natürlich werden sie “angebotene” Subventionen auch nicht in den Wind schlagen. Denn das wirkt sich auf das “Betriebsergebnis aus. Der Bauernverband “hilft” wo er kann. Es gibt auch Stimmen von Bauern, welche aber finden, es werde hie und da auch (besonders vor Abstimmungen) etwas generös mit Subventionen umgegangen, wenn es um Stimmenfang gehe.

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  • Mai 14, 2017

    Immer wenn (hier beim Thema Energie, aber auch sonst) mit der Worthülsen-Argumentat​ion von wegen: „etwas wird auf eine (wahlweise kohärente, verlässliche, stabilisierende, klärende usw) Rechtsgrundlage gestellt“, herumgeflunkert wird, ist äusserste Vorsicht am Platz.

    Selten entpuppt sich diese „Rechtsgrundlage“ nämlich als etwas anderes als eine klägliche „Verbots- und Zwangsgrundlage“.

    Genauso ist es auch im Fall dieser Energie-“Strategie“.

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