1. Gesundheitswesen

Was darf das Leben kosten?

Schrecklich! Schau­spie­le­rin Zsa Zsa aus dem Bett gestürzt. Arme Ga­bor, sie wird Stun­den lang ope­riert. Den­noch hat sie Glück. Als Millionärin be­kommt sie auch mit 93 Jah­ren noch ein neues Hüftgelenk. Bei Nor­mals­terb­li­chen​ wird un­wei­ger­lich ge­fragt, lohnt sich der Auf­wand noch?


Ethisches Feigenblatt

Eine Art Wächterrat soll in der Schweiz inskünftig Kosten und Nutzen medizinischer Eingriffe beurteilen. Zürich will sein Medical Board – eine Kommission, der Juristen, Ökonomen, Pharmakologen und eine Ethikerin angehören – national verankern. Nur, bei einer solchen Zusammensetzung fehlt der Kommission die klinische Kompetenz. Soll demnach in Zukunft primär der Kostenaspekt darüber entscheiden, wem welche Behandlung zugestanden wird, garniert mit dem Feigenblatt der Ethik?

Wissenschaftlic​he Studien zur Wirkung von Therapien sind nicht vorgesehen. Da fragt es sich: Was ist das wirkliche Ziel des geplanten Medical Boards? Schliesslich existiert beim Bund bereits die Kommission für Grundsatzfragen. Sie beurteilt Leistungen zuhanden der Krankenkassen und befasst sich mit der Rationierung. Der Begriff erinnert an die Kriegszeit, als das Essen knapp wurde. Nicht von ungefähr: Vor vier Jahren hat die Kommission in zwei Studien (RIS und RICH) qualitative Unterschiede in der Gesundheitsversorgung​ der Regionen aufgezeigt – und Mängel in Spitälern, wo es an Pflegepersonal fehlt. Um unnötige Kosten zu vermeiden, empfahl sie Massnahmen zur Qualitäts-und Patientensicherheit. Wie es die Hochschule St. Gallen bereits 20 Jahre zuvor getan hatte.

Wettbewerb um Prestigefragen
Doch ausser einem Gesetzesartikel, der Papier blieb, ging beim Bund nichts. Nichts gegen schleichende Rationierung, kaum Konkretes in der Qualitätssicherung. Man weiss zwar, dass jährlich 800 Menschen an Medikationsfehlern sterben und die Folgen dieser Fehler uns gegen 1 Milliarde Franken kosten. Auch von unnötigen Operationen in der Höhe von jährlich 3 Milliarden weiss man; dass mangelnde Förderung der Autonomie und Gesundheit im Alter etwa 3 Milliarden an Pflegekosten zur Folge haben, die fehlende Früherkennung von Osteoporose fast eine ganze Milliarde.

Doch statt sich um die Versorgungsqualität zu kümmern, streiten sich die Kantone um die prestigeträchtigen Herzzentren. Die Pharmalobby bremst Preissenkungen bei Medikamenten aus und verschweigt, dass Pillen im Wert von 500 Millionen Franken im Abfall landen. Und der Bund lanciert die «Neue Spitalfinanzierung» mit dem Ziel, Kosten zu sparen. Mittlerweile ist erwiesen: Gespart wird damit nicht, im Gegenteil. Aber der Wettbewerb wird forciert, freilich nicht um die beste Qualität, sondern um die tiefsten Kosten für diese oder jene Behandlung.

Was also soll ein Medical Board? Etwa die Rationierung salonfähig machen? Die einleitenden Worte zum Zürcher Projekt lassen es vermuten: «Die Schere zwischen den medizinischen Möglichkeiten und den verfügbaren Mitteln öffnet sich immer weiter.» Von Menschenwürde ist zwar die Rede, aber auch vom „Standardpatienten“ als Mass der Behandlungsempfehlung​en.

Grossbritannien als Vorbild?

Sind Sie ein Standardpatient? Pech für Sie! Das Zürcher Medical Board sagt: Einzig die nötige Minimal-Versorgung ist zu garantieren. Was ein «qualitätskorrigierte​s Lebensjahr» kosten darf, wird berechnet nach einem Kosten-Nutzen-Index namens QALY (Quality Adjusted Life Year). Der Rahmen ist eng gesteckt. Die teuren Experten sprechen von (Zwangs-)Solidarität:​ Die Gesellschaft sei nur begrenzt bereit, dem Gesundheitswesen die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Ein Blick nach Grossbritannien zeigt, was das heisst. Dort darf die Verlängerung des Lebens um ein Jahr 40 000 bis 60 000 Franken pro QALY kosten.

Ist das Medical Board letztlich eine Institution zur Grenzziehung zwischen wertem und unwertem Leben? So weit darf es nicht kommen! Wenn ein neues Gremium geschaffen wird, hat es wissenschaftlich zu arbeiten, auf der Basis der evaluativen Forschung. Ziel muss die Sicherung und Steigerung der Qualität über den gesamten Behandlungszyklus. Qualität zahlt sich aus und spart Kosten.

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Comments to: Was darf das Leben kosten?
  • September 28, 2010

    In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sah ich den Film “Silent Green” und stelle nachdenklich fest, wie nahe wir heute jener Zukunftsvision der “Altersentsorgung” mit Wiederverwertungsopti​on durch die Pharmaindustrie gekommen sind.

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